Natur – Glaube – Wissen

Gehirn und Geist

Ex porticibus sapientiae:

Orietur Occidens

Freitag, 14. und Samstag, 15. Oktober 2005

Ein Tagungsbericht

«Gehirn und Geist — Determination und Willensfreiheit und die Chancen interdisziplinären Dialogs»: solch anspruchsvollen Titel hatte die Tagung in der Katholischen Akademie Hamburg gewählt. Fünf Professoren gaben sich die Ehre: zwei Neurobio- oder -physiologen, der Chef einer psychiatrischen Klinik und zwei Theologen.
Zuvor hatte ich schon vom Mythos der «bildgebenden Verfahren» gehört, mit denen die Hirn­forscher die Psychologie von Grund auf erneuern würden, sowie von jenem Manifest, in dem eini­ge Neurowissenschaftler verkündeten, binnen eines Jahrzehnts durch ihre Ergebnisse unser ganzes Menschenbild umzustürzen.
Es war interessant, die Auseinandersetzung mit den Neurowissenschaftlern hautnah mitzuer­leben. Aber ich hätte mir doch dabei ein Kind gewünscht, das gerufen hätte: «Der Kaiser hat keine Kleider an!»
Für die physiologische Forschung sind das wohl gewaltige Fortschritte, was die Professoren Scheich (einer der Autoren jenes Manifests) und Engel zu berichten wußten. Man weiß genauer denn je, welche Neuronen bei welcher psychologischen Gelegenheit wie blinken. Aber die psycho­logische Bedeutung ist peripher — na gut: man weiß jetzt um die Sekundenbruchteile, die eine neue Erkenntnis bei fernöstlichen Springmäusen dauert; aber sonst? —; und eine philosophische Bedeu­tung kann ich nicht erkennen. Wichtiger fand ich da noch die Libet-Experimente; die allerdings hat einer der Theologen, Prof. Hattrup, kurz eingebracht: die fordern immerhin eine präzise Fassung des Begriffs Willensentscheidung ein — unterschieden werden muß zwischen der grundsätzlichen Entscheidung und der konkreten Ausführung, welche automatisch erfolgen kann.
Libets Ergebnis war: gibt man jemandem den Auftrag, irgendwann innerhalb einer kurzen Zeitspanne eine Bewegung zu machen, dann kann man eine neurale Erregung messen, bevor eine Willensentscheidung be­wußt wird.
Die Willensentscheidung allerdings ist ja, den Auftrag anzunehmen. Und nach dieser Entscheidung sitzen die Probanden da und warten auf einen Impuls, ihn jetzt auszuführen — einen sinnvollen Grund, gerade jetzt die Bewegung vorzunehmen, gibt es ja niemals, bevor die gegebene Zeit endet. Diesen Im­puls mag man in jener Erregung erblicken. Auf jeden Fall ging es in diesem Versuch um sinnlose Ent­scheidungen.
Immerhin: das psychologisch wirklich interessante Thema der Unterscheidung von intentionaler und automatischer Bewegung wird dadurch angesprochen.
Beide Neurowissenschaftler hatten zuvor erklärt, die ganz deterministisch-biologistische Deu­tung der Forschungsergebnisse, wie sie von manchem ihrer Kollegen vertreten wird, abzulehnen. Dann jedoch ziehen sie beide ontologische Folgerungen materialistischer Ausrichtung aus ihren Ergebnissen, und Prof. Engel postuliert das Recht des Naturwissenschaftlers darauf, seine Ergeb­nisse selber auch philosophisch zu interpretieren, ohne daß er jedoch bei seinen Thesen irgendwie philosophisch argumentierte.
Da nun wünschte ich mir jenes Kind herbei.
Der Psychiater, Prof. Ulrich, war als Vertreter der Gegenseite eingeladen worden, erklärte sogleich seine Distanz zu jenem Manifest. Er argumentierte zwar sehr viel philosophischer, aber auch er zeigte eine letztlich ebenso materialistische Position, die er nicht begründete, sondern einfach voraussetzte.
Er widerlegte in kluger Weise das, was er «homunculus fallacy» nannte [i.e. fallacia homunculi ficti], die Idee, es gäbe irgendwo im Gehirn ein Zentrum der Persönlichkeit (das ergebe einen pro­gressus in infinitum: wo wäre dann das Zentrum des Zentrums?) Leider erweckte er den Ein­druck, daß er damit auch die Seele als abgetan betrachtete — obgleich diese von seinem Argument ja durchaus nicht getroffen wird. Physis und Psyche schilderte er als zwei Seiten einer Medaille; dann erklärte er die Entstehung der Psyche durch die Emergenz-Theorie. Diese Theorie stellte er als Alternative zu einer rein materialistischen Deutung dar, ungerührt davon, daß aus dem Pu­blikum darauf hingewiesen wurde, daß der Begriff des Emergenz rein naturwissenschaftlich ist und keines­wegs über das Materielle hinausweist. Wie er bei der Darstellung seiner Emergenz-Theorie vom Umschlag von Quantität in Qualität sprach, läßt vermuten, daß diese Theorie nichts anderes ist als die gute alte Marxsche Widerspiegelungstheorie im Gewande neuer naturwissenschaftlicher Ter­minologie. Auch sonst ist ihm etwas Vernebelung vorzuwerfen: das «Leib-Seele-Problem» will er ersetzen durch die «Subjekt-Objekt-Beziehung»; so wieselt er von der ontologi­schen Ebene hinüber auf die epistemologische.
Die Theologen, die Professoren Hattrup und Schockenhoff, haben gute Dinge gesagt; aber es war so wenig Gelegenheit zur Diskussion zwischen den Referenten, daß sie nicht dazukamen, auf pro­blematische Thesen der Gegenseite angemessen einzugehen. Die entscheidende Aussage, daß Willensfreiheit ein Subjekt voraussetzt, eine Entität, die nicht primär materiell ist (und so den Menschen zur Person macht), blieb aus.
Und die Theologen standen unter dem Druck, sich «gesprächsbereit» zu erweisen, indem sie sich bereit zeigten, ihre Positionen prinzipiell künftigen naturwissenschaftlichen Ergebnissen zu unter­werfen. Diesem Druck haben sie sich nicht ganz, aber gelegentlich doch ein wenig unterwor­fen. Diese Forderung aber enthält eine philosophische Vorentscheidung, die der naturwissenschaftli­chen Erkenntnis einen grundsätzlichen Vorrang zuteilt — als sei philosophische Erkennt­nis weniger gültig, gegenüber der naturwissenschaftlichen nur vorläufig. Dies aber würde voraus­setzen, daß der materiellen Natur die primäre Wirklichkeit zukäme; und damit hätte sich das ganze Thema ja schon erledigt.
Passend dazu erklärt Prof. Engel wiederholt, es gäbe ja ganz unterschiedliche Philosophien, insinuierte so, deren Lehren seien nicht zwingend. Daß es nicht nur philosophische Theorien gibt, sondern zunächst einmal philosophisches Denken, dessen — korrekte — Beweisführung ebenso gültig ist wie eine — korrekte — naturwissenschaftliche, wurde ihm nicht vorgehalten (übrigens mangelt es den Naturwissenschaften ja ebenso wenig an kuriosen Außenseitertheorien).
Weil aber die Naturwissenschaftler Anerkennung ihrer Ergebnisse forderten, selbst wenn sie ihren Gültigkeitsbereich überschritten, aber keine Bereitschaft zeigten, die Erkenntnisse von Theologen und Philosophen anzunehmen, letztlich also diese zu marginalisieren suchten, konnte keine Verständigung zwischen den Disziplinen gelingen.
Über Willensfreiheit habe ich wenig gelernt bei dieser Tagung, um so mehr über die Mentalität der verschiedenen Disziplinen.
W.H.W

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Orietur Occidens

Samstag, 28. Oktober 2006

Spiegelneuronen in der Tagespresse

In die tageszeitung sind die Spiegelneuronen eingedrungen; sie seien für einen wesentlichen Teil unseres sozialen Miteinanders verantwortlich, lese ich.
In der Tat sind Spiegelneuronen neurologisch interessant; sie stellen die hirnphysiologische Arbeitsweise von Mensch und Tier dar für Einfühlung und Lernen am Modell. Diese Fähigkeit von Mensch und Tier aber durch diese Neuronen zu erklären bedeutet, die Beschreibung für eine Er­klärung zu halten — davor wird schon im Psychologiestudium gewarnt. Spiegelneuronen sind das Werkzeug für diese Leistungen, nicht ihre Ursache.
Was aber sind nun Spiegelneuronen?
Beobachtet ein Affe — und für den Menschen gilt offensichtlich das gleiche — einen anderen bei irgendwelchen Handlungen, so werden beim Beobachter die gleichen Neuronen aktiviert, wie wenn er selbst diese Handlungen durchführte — deshalb werden sie «Spiegelneuronen» genannt.
Spiegelneuronen allerdings sind keineswegs eine hirnorganische Gegebenheit. Dinge im Bild zu erkennen ist eine äußerst anspruchsvolle kognitive Leistung, selbst für rechenstarke Computer schwierig. Der Säugling — und natürlich ebenso das neugeborene Tier — muß es erst lernen, den anderen Menschen — den Artgenossen — im Bild, das ihm seine Augen liefern, zu erkennen; da­nach erst kann es dessen Handlungen mit eigenen vergleichen. Dann erst kann er seine motori­schen und sensorischen Neuronen im Sinne von «Spiegelneuronen» nutzen. Den «Spiegelneuro­nen», genauer also: der Nutzung bestimmter Neuronen als «Spiegelneuronen», muß folglich eine beträchtliche kognitive, also psychische, Leistung des Menschen und ähnlich auch des Tiers vorausgehen.
Geistige Leistungen sind nicht eine Funktion dazu vorherbestimmter Gehirnareale, sondern die Psyche findet solche Areale für die Aufgaben, die sie bewältigen will.
W.H.W

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Freitag, 7. und Samstag, 8. November 2008

Tagung: «Die Herausforderungen der Neurowissenschaften für die Psychologie»

Immer wieder geht die Behauptung durch die Medien, die Neurowissenschaften könnten — dank ihren neuen Verfahren — nun die Psyche, das Ich des Menschen als Produkt des Nervensystems erklären und damit auch den freien Willen leugnen. So trifft es sich gut, daß es in diesen Tagen eine — christlich orientierte — Psychologentagung zu diesem Thema gibt. Sind dort neue Erkenntnisse zu erfahren?
Ja, in der Tat; und keine davon spricht für die Behauptungen der Neurowissenschaftler. Nichts gibt es unter ihren Ergebnissen, was irgendwie geeignet wäre, das menschliche Bewußtsein zu erklären — was von der Philosophie her ja schon vorauszugesagen gewesen war.
Und was den freien Willen betrifft, werden immer wieder Experimente im Stil von Libet (s.o.) gemacht, immer wieder mit den gleichen Ergebnissen. Hier aber gibt es neue Kritik: von Physikern ist zu erfahren, daß die Zeitmessung bei diesen Experimenten so ungenau ist — man ließ gar die Probanden selbst auf die Uhr schauen —, daß schon dadurch gültige Ergebnisse ausgeschlossen sind. Und neurologisch wird darauf hingewiesen, daß schon der Gedanke, eine Hand zu bewegen, mit einer Erregung ebender Hirnneuronen verbunden ist, die dann auch beim schließlichen Ent­schluß zu dieser Bewegung erregt werden müssen. Mit anderen Worten: diese Experimente könnten nur beweisen, daß vor der bewußten Entscheidung selbst es schon eine Überlegung darüber gibt — was schwerlich überrascht.
Eine grundsätzliche Überlegung zum Schluß: die Leugnung des freien Willens bedeutet, daß das Ich des Menschen nur ohnmächtiger Zuschauer des eigenen Lebens wäre. Für den Theïsten ist das ein Unding – wenn er nicht gerade Calvi- oder Jansenist ist –, und wer evolutionistisch-biologi­stisch denkt, müßte nicht nur erklären, wie die Natur ein so einzigartiges Phänomen hervorbringen könnte, sondern auch, warum sie es hervorbrächte, obwohl es, ohne eigenen Willen, keinerlei Funktion hätte.
W.H.W

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Freitag, 10. Dezember 2010

Wenn ein Wissenschaftler sich dem Modetrend widersetzt ...

Bisher habe ich die uns ständig begleitende Erklärung psychischer Erscheinungen durch hirnorganische Ursachen für das Ergebnis eines Zirkelschlusses gehalten:
Weil das Seelenleben grundsätzlich hirnorganisch begründet sei, seien die psychischen Erscheinungen Folge der empirisch damit verbundenen hirnorganischen; und weil somit die psychischen Erscheinungen Folge der empirisch damit verbundenen hirnorganischen wären, wäre das Seelenleben hirnorganisch begründet.
Sicher spielt dieser Zirkelschluß eine zentrale Rolle für die scheinbare empirische Bestätigung des derzeitigen Biologismus, und sicher ist diese biologistische Deutung falsch: es sind reichlich Phänomene bekannt, die zeigen, daß das Gehirn sich physiologisch und auch anatomisch nach der Psyche ausrichtet: von der besonderen Ausbildung entsprechender Hirnareale bei Spezialisten je nach der Art ihres Fachgebietes über die allgemeine Plastizität des Gehirns, wie sie sich etwa nach Schädigungen durch Krankheit, Unfälle oder Operationen zeigt, bis zu den konkreten hirnorganischen Auswirkungen psychischer Traumatisierungen.
Nun aber konnte man noch etwas anderes erfahren:
«In seiner Habilitationsschrift untersuchte der Forscher fünf mögliche biochemische Marker, die in der Wissenschaft als Anzeichen für Schizophrenie gehandelt wurden. Tatsächlich korrelierte kein einziger mit der Krankheit. Dies nahm der Hirnforscher zum Anlass für eine vernichtende Kritik der biochemischen Psychoseforschung», lese ich in der tageszeitung.
Vor dreißig Jahren wurde diese Habilitationsschrift geschrieben, acht Jahre lang bereitete dann der promovierte Chemiker und bewährte Hirnforscher den Boden dafür, diese Schrift einzureichen; und nun hat er nach langjährigem Prozessieren wenigstens einen ersten bedeutsamen juristischen Erfolg auf dem Weg zu seiner Habilitation erzielt: so behandelt der Wissenschaftsbetrieb Forschungen, die dem Modetrend der hirnphysiologischen Erklärung psychischer Phänomene entgegenstehen.
W.H.W

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Orietur Occidens

Freitag, 8. Februar 2013

Neuromythologie

Wenige waren es bisher, die der materialistische These, das Bewußtsein, der Wille seien ein Produkt des Gehirns, fachkundig widersprochen haben. Ich habe oben ja einiges dazu mühsam gesammelt.
Nun hat Felix Hasler «Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung» veröffentlicht unter dem schönen Titel «Neuromythologie» (Bielefeld 2012), und alles spricht darüber, der Spiegel, die tageszeitung, das Deutschlandradio Kultur sogar zweimal.
Zu erfahren ist von ihm auch, daß nicht nur ideologische Interessen hinter diesem Biologismus stecken, sondern auch wirtschaftliche: wenn das Bewußtsein ganz vom Hirn bestimmt würde, wäre das ein Grund, alle psychischen Störungen und Mißstimmungen mit Psychopharmaka zu bekämpfen.
W.H.W

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