Die Verbürgerlichung der Kirche

 • Die Verbürgerlichung der Kirche •

 • Pfarrer und Pfarrei •

 • Botschaften moderner Liturgie •

Neue kritische Prüfung: Die neuere Geschichte der «actuosa participatio» •

E&E 16 S. 6-19  2011
Wilfried Hasselberg-Weyandt

Die Verbürgerlichung der Kirche

Wenn ich hier gegen die Verbürgerlichung der Kirche schreibe, so durchaus nicht deshalb, weil ich Bürgerlichkeit ablehne – ich selber lebe in der bürgerlichen Kultur und schätze sie, an ihrem Ort, hoch.
Man kann Musik lieben und nichtsdestoweniger – oder eben deswegen – das Gedudel in Kaufhäusern verabscheuen; man kann geistige Getränke schätzen und nichtsdestoweniger – oder eben deswegen – Trunksucht ablehnen. Wer seine Gesundheit liebt, braucht sich dennoch – oder eben deswegen – nicht einem Gesundheitskult (mit kultischen Akten wie «sich durchchecken lassen» und freiwilligem Konsum von Margarine anstelle von Butter) hinzugeben; und wer Sexualität hochachtet, wird dennoch – oder eben deswegen – die Busenparaden an Zeitungskiosken verabscheuen.

Besondere Formen des bürgerlichen Lebens

Solch extreme Auswüchse gibt es in der bürgerlichen Kultur nur in Randbereichen; doch auch anderes wird ärgerlich, wenn es seinen rechtmäßigen Raum verläßt.
So seien einige Formen bürgerlichen Lebens betrachtet.
Es gibt das «gemütliche Beisammensein», das Kaffeekränzchen, den Stammtisch. Man schätzt es da, ungezwungen zu sein, nicht so förmlich. Zu allen Zeiten waren die Menschen im vertrauten Kreis weniger förmlich als in einer größeren Gesellschaft; verstärkt gilt das in unserer hysterischen Zeit (hysterisch bedeutet nach Riemanns «Grundformen der Angst»: Angst vor Ordnung), in der der Wegfall von Förmlichkeit mehr denn je als Ideal erscheint.
Es gibt die Bemühung um Förderung und um Unterhaltung der Kinder, als deren Archetyp der Kindergeburtstag gelten kann: Erwachsene bemühen sich, für Kinder ein Fest zu gestalten, und die Kinder sind – nicht immer, aber doch oft – mit Freude dabei. Nie bemühte man sich mehr als heute, kindgerecht zu sein.
Es gibt die Honoratioren, ihre Sitzungen, ihre (mehr oder weniger) öffentlichen Auftritte, ihre Reden, all die Gelegenheiten, bei denen sie ihre bedeutsame Rolle ausüben können. Was ist, beispielsweise, eine Festrede? Der Redner zeigt, wie wichtig er ist, die anderen erleben, daß jemand Wichtiges ihnen Zeit widmet. So ist der Nutzen beidseitig; der Inhalt der Rede ist dabei gleichgültig. Reicht die Gelegenheit nicht für noch eine Rede, so reicht sie doch für Grußworte – wohlgemerkt: für viele Grußworte.
Doch wir leben auch in einer depressiven Zeit (depressiv bedeutet nach Riemann: Angst vor zwischenmenschlicher Distanz), in der die Honoratioren nicht allzu massiv ihre herausgehobene Stellung demonstrieren dürfen: eine gewisse Nähe zum Volk ist erwünscht – Gleichheit gehört zu den Idealen unserer Gesellschaft. Natürlich geht es dabei nicht um wirkliche Gleichheit: die Gleichheit unserer Zeit fordert, das Rang- und Machtgefälle mit subtilen Mitteln zu wahren.
Ist der Honoratior eine wirklich einflußreiche Person, so kann er seinen Einfluß im abgeschirmten Kreis ausüben und seine öffentlichen Auftritte dosieren. Bescheidenere Honoratioren dagegen müssen mehr die Gelegenheit nutzen, auch in kleineren Rahmen öffentlich aufzutreten, Regie zu führen, um ihre Bedeutung zu zeigen. So wird der bescheidenere Honoratior zum Animateur – und trifft sich so mit den Animateusen des Kindergeburtstags.
Natürlich ist dieser Einsatz, ist dieses Auftreten der Honoratioren wichtig (das sage ich schon deshalb, um nicht irgendwelcher Ressentiments verdächtigt zu werden, weil ich kein Honoratior bin). Doch manchmal bereitet es einen gewissen Überdruß, wie viele Honoratioren mit besonderen Maßnahmen ihre Spuren hinterlassen wollen, wie viele zu Wort kommen wollen – «eine milde Form der Christenverfolgung» nannte ein leidgeprüfter evangelischer Pastor die Menge der Grußworte.
Und es enthebt sich die Frage, ob es für Kinder nicht manchmal schöner wäre, weniger gefördert und weniger unterhalten zu werden, mehr Gelegenheit zu eigener Freizeitgestaltung und eigenständiger Weiterentwicklung zu haben.

Das bürgerliche Leben in der Kirche

Die Honoratioren

Die große Stunde der Honoratioren begann in den sechziger Jahren. Nein, nicht mit der Liturgiereform, sondern mit unbestimmten Gerüchten von erneuerter Liturgie, die für energische Honoratioren beträchtlichen Freiraum schufen. Zunächst waren es Architekten im Kirchenvorstand, die mit Kirchensteuermitteln und Spendenaufrufen den Kirchen ein neues Gesicht zu geben verstanden1: umgebaute Altarräume, neue Eingänge, der Mittelgang aufgegeben, darum neue Bänke (als Stil gern Bauhaus in Grün), hohe Wände, die die Trennung von Alltags- und Sonntagschristen ermöglichten – all das gern in markantem Stilkontrast zur bestehenden Kirche: so wurde das Wirken des federführenden Honoratioren um so deutlicher. Natürlich beklagte sich das Kirchenvolk; aber der Architekt aus dem Kirchenvorstand zeigte sich gern bereit, den Sinn seiner Maßnahmen zu erklären.
Zu Anfang der siebziger Jahre waren die Honoratioren einer noch höheren Klasse an der Reihe: es ging nun darum, das neue Einheitsgesangbuch zu verfassen. Das Ergebnis ist bemerkenswert: es gab einige wirklich hochgeeignete Leute in der verantwortlichen Kommission; aber es scheint nach dem Grundsatz gegangen zu sein: jeder darf einmal. Manche alten Einheitslieder wurden übergangen, andere gekürzt (wobei der geistliche Gehalt nicht ausreichte, eine Strophe zu retten), andere umgedichtet, manche durften bleiben2. Neue Lieder wurden eingefügt: manche singbar, andere nicht; manche inhaltsstark (dann meist aus dem Evangelischen Kirchengesangbuch übernommen), andere banal, noch andere verschroben.
Die Bewertung des Kirchenvolks zeigte sich, wenn einmal ein Lied ohne Gesangbuch gesungen wurde: bis in die neunziger Jahre waren mancherorts nach der Fronleichnamsprozession beim Einzug in die Kirche von «Ein Haus voll Glorie schauet» die alten, seit schließlich mehr als zwanzig Jahren abgeschafften Strophen zu hören.
Und nun begann die große Zeit der Kleinhonoratioren.
Es kamen die Lektoren, die Kommunionhelfer und manch andere Honoratioren. Zwischen Priester und Ministranten zogen nun zu Beginn der Messe vielerorten Damen mit Betonfrisuren, Herren in Räuberzivil feierlich mit ein. Und sie konnten ihr Feld ausbauen. Sie können vor der Messe mit der Gemeinde Lieder einüben, sie können «Anspiele» durchführen, sie können besinnliche Texte vorlesen, bevorzugt nach der Kommunion, bevor die persönliche Andacht der Gläubigen hinten im Kirchenschiff überhand nimmt («Es kommt jetzt ein meditativer Text zur Verlesung»). In Frankreich gibt es auch ältere Damen, die fest ins Chorgestühl installiert erscheinen, vom zur Messe herantretenden Priester mit Handschlag begrüßt werden und dann Regie führen («Wie fühlt man sich wohl als Mann in so einer Kirche?» fragte da eine Frau).
Nicht, daß nach ihrem ersten Auftauchen das Volk noch sehr lange an diesen Kleinhonoratioren Anstoß genommen hätte; nein, man gewöhnte sich bald an sie. Abwegig freilich ist der gelegentlich vorgebrachte Gedanke, durch solche Art der «Laienbeteiligung» am Gottesdienst fühle sich das Volk mehr beteiligt – zum Klerus ist einfach noch ein Quasiklerus hinzugetreten. Gegenüber diesen Laien de luxe wird das Kirchenschiff zur laïkalen Touristenklasse.
Es kamen die Pfarrgemeinderäte. Ich habe einen engagierten Pfarrgemeinderat erlebt, der, von einem engagierten Vorsitzenden geleitet, mit einem engagierten Pfarrer intensiv zum Nutzen der Pfarrei zusammenarbeitete; ich habe von Pfarrgemeinderäten gehört, die nach Kräften Priester in der Pfarrei behinderten; ich habe erlebt, wie in einem Pfarrgemeinderat es um Fragen ging wie die, wer für das Gemeindefest Kuchen backe. Von einer anderen bedeutsamen Rolle eines Pfarrgemeinderats aber habe ich bei einem Seminar über die Gregorianik erfahren: Chorleiter und viele Mitglieder des Kirchenchors waren mit Interesse und Freude dabei; und für ein Viertelstündchen gab uns auch der Pfarrer die Ehre. Das sei ja wirklich gut und schön, meinte er, nur in seiner Pfarrei sei gregorianischer Gesang nicht möglich, weil sein Pfarrgemeinderat den nicht akzeptieren würde. «Glauben Sie dem nicht», bekam ich zu hören, als der Pfarrer wieder weg war, «der Pfarrgemeinderat wäre nicht dagegen; er selber will nicht». Kurz: der Pfarrer braucht für seine Entscheidung nicht selber einzustehen, er kann sich auf seinen Pfarrgemeinderat berufen.
Aber:
– Man muß doch den Einsatz, die Leistungen dieser Frauen und Männer anerkennen!
In der Tat; und wirklich ist mittlerweile manches Gute geschehen, sicher auch durch die Gemeindehonoratioren. Mittelgänge sind wieder freigeräumt, Zwischenwände eingerissen.
Allerdings: in den Pfarreien – und weit darüber hinaus (bundesweit ist da das ZdK) – hat sich eine Scheinöffentlichkeit gebildet, die der Laien, mit denen der Priester am meisten redet, der Honoratioren also, deren Meinungen ihm dann die der Laien insgesamt zu repräsentieren scheinen. Doch in Wirklichkeit stellen sie eine spezielle Auswahl dar: es sind die, denen es gelungen ist, Wichtigkeit beigemessen zu bekommen. Sehr oft natürlich sind das ganz liebe Menschen; lieb zu sein ist freilich noch keine geistliche Qualität. Nicht ganz selten aber bieten sich für die wichtigen Gemeindefunktionen die Wohlhabenderen an oder die Umtriebigsten der Gemeinde – und die möchten allzugern ihre Spuren im Gang der Zeiten hinterlassen.
Auch diese können durchaus Gutes tun; aber zu machen ist eher ihre Sache als zu lassen. In der Pfarrkirche von Niederlana in Südtirol steht ein durch künstlerischen Rang und Größe bemerkenswerter spätgotischer Flügelaltar. Gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts wollte ihn der örtliche Pfarrer durch ein barockes Tafelbild ersetzen; das scheiterte damals am Widerstand der Bauern von Lana. Es ist angesichts der Erfahrungen der sechziger Jahre schwer vorstellbar, daß gegenüber dem Pfarrer und den Gremiengrößen und Funktionsträgern der Pfarrgemeinde die außenstehenden Bauern heute noch eine Chance hätten.
Jüdische Gemeinden haben ja eine reiche Erfahrung mit Selbstverwaltungsgremien; dort gibt es für einschlägige Gemeindegrößen die Bezeichnung «Takkifim»3, und die ist nicht freundlich gemeint.

Das Kinderfest

Kinderbilder hängen an Wänden oder Stellwänden. Sie können schön sein; aber wurden sie deshalb dorthin gehängt? Doch wohl nicht, denn wer sie wirklich schön fände, würde sie niemals so lieblos, mit Stecknadeln oder dergleichen, aufhängen – Kunstwerke behandelt man anders. Die Kinder aber bemerken das kaum; sie freuen sich, ihre Bilder dort zu sehen.
In der Messe werden Kinderlieder gesungen, Kinder umringen den Altar, versuchen Fürbitten vorzulesen, zum Vaterunser werden Hände gehalten: es ist Kindergottesdienst (oder «Familiengottesdienst»).
Etwas Geistliches wird so sicherlich nicht vermittelt: ganz oft wuseln die Kinder im Altarraum herum, ohne Altar, Kreuz oder Tabernakel zu beachten.
Aber:
– Die Kinder freuen sich doch, wenn sie ihre Bilder in der Kirche angeheftet sehen, wenn sie einmal nach ganz vorne dürfen, selber etwas vorlesen dürfen (ob sie nun richtig lesen können oder auch eher nicht). So ist es doch einmal für Kinder schön, in der Kirche zu sein.
Oder?
«.. und die beiden kleinen Meßdiener sagen: „Is’ heute Familienmesse?“/„Kindergottesdienst?“ (Es waren zwei – daher die unterschiedlichen Ausdrücke!) – Ich: „Nein!“ – Antwort: „Puh – Glück gehabt – das ist immer so langweilig!“»4
Die Kleinen, die nach vorne dürfen, dort etwas machen dürfen, freuen sich, sind stolz. Die, die es aus der Tiefe des Kirchenschiffs anschauen, anhören, langweilen sich. Und es langweilen sich die, die sich daran gewöhnt haben. Sie lernen dabei: Kirche ist für Kinder da – wenn sie Jugendliche geworden sein werden, werden sie mit solchen Kindereien wohl nichts mehr zu tun haben wollen.
Erst recht stolz aber sind die Eltern, die ihre Kinder da vorne sehen, die deren Bilder an Wänden und Stellwänden prangen sehen.
Und dann sind da noch die Kinderdompteure und -dompteusen, die ziemlich regelmäßig mit nach vorne kommen, wenn kleine Kinder dorthin gerufen werden; sie geben Anweisungen, beäugen die Kinder wachsam. Und dann ist da noch der Kinderdompteur, der nach den «Vermeldungen» der Gemeinde erklärt, was die Kinder gerade im Kindergottesdienst gemacht oder gelernt haben. Und die Frage erhebt sich: ist der Kindergottesdienst wirklich für die Kinder da oder nicht eher für jene, die hier ihre pädagogische Kompetenz produzieren wollen?
«Ist das Volk so tümlich?» fragte Bertold Brecht. Was das Volk angeht, kann ich ihm diese Frage nicht beantworten. Doch eine andere Frage stellt sich: «Sind die Kinder so mäßig?» – daß sie «kindgemäße» Gottesdienste, «kindgemäße» Lieder brauchen? In orthodoxen Kirchen kann man sehen, wie die kleinsten Kinder sich nach ihrem Maß am Gottesdienst beteiligen, wie sie etwa von ihrer Mutter oder ihrem Vater emporgehoben die Ikonen küssen. Offenkundig ist das alles völlig kindgemäß (nun ohne Anführungszeichen). Die Kniebeuge vorm Altar, vorm Tabernakel in unseren Kirchen wäre sicher ebenso kindgemäß, kindgemäßer als all das Erzählen, was die Kinder im Kindergottesdienst gemacht hätten. Ich hatte als Kind noch ganz einfach die Lieder aus dem Laudate mitzusingen; und ich habe sie liebgewonnen – offenbar sind sie nicht minder kindgemäß als neue geistliche Kinderlieder.
Kinder sind biegbar. Mir scheint, daß es weniger um kindgemäße, als vielmehr um kindergärtnerinnengemäße Formen geht (Kindergärtnerinnen – ich wähle diesen etwas veralteten Ausdruck, weil ich damit nicht einen bestimmten Beruf [und auch kein bestimmtes Geschlecht!] im Sinn habe, sondern eine Geisteshaltung); und am Ende steht das kindergärtnerinnengemäße Kind. Ich wünsche Kindern etwas anderes. Überschüttet man sie mit kindgemäßen Liedern, reduziert man sie auf Kindergottesdienst in der Art der geltenden Clichés, so werden sie daran Gefallen finden – eine Zeit lang. An wirklichem Gottesdienst, an schönen Liedern werden sie ebenso Gefallen finden – und diese Riten, diese Lieder können sie dann ein Leben lang begleiten.

Das gemütliche Beisammensein

Typische Szenen in deutschen Pfarrkirchen: der Priester tritt heran, erledigt beiläufig den Altarkuß, strebt zum Ambo, haspelt die liturgischen Einleitungssprüche herunter; dann atmet er auf und beginnt zu begrüßen.
Die Meßtexte stammen aus dem Meßbuch – oder aus irgendwelchen irgendwann approbierten oder zur Erprobung freigegebenen Formularen für Kindermessen oder zu irgendwelchen Themen; oder sie sind gleich ganz selbstgestrickt. Anderes, was eigentlich im Meßtext steht, fällt weg.
Und alle «versus populum»: der Lektor redet in den Fürbitten den Herrn an und blickt dabei auf die Gemeinde.
Gesungen wird recht selten, soweit es sich nicht um Gemeindelieder handelt; Priester tun das nur ganz eingeschränkt, Lektoren fast gar nicht.
Der Chor singt nicht oft, und wenn, dann nicht sehr oft die liturgischen Texte. Geschieht das doch einmal, so kann man oft ein eigentümliches Phänomen beobachten: wenn er das Sanctus anstimmt, durchtönt ein halblautes Geräusch die Kirche (der «große Plumps»), und plötzlich sitzen alle.
Gegen Ende der Messe – die meisten Gläubigen haben gerade die Kommunion empfangen – macht der Priester sich ans Vermelden; das Spektrum reicht vom im Kindergarten von irgendwem vergessenen Schlüsselbund bis zum Fußballturnier der Gemeindejugend. Zum Schluß wünscht nicht selten der Priester der Gemeinde noch einen «schönen Sonntag»; und die Gemeinde antwortet im Chor: «Danke, gleichfalls!»
Und nicht lange nach dem Auszug wird abgeräumt. Günstigenfalls wird dabei dem Altar noch ein Kopfnicken gewidmet; im übrigen ist man sehr praktisch: um nicht zu oft gehen zu müssen, wird auch schon einmal der Kelch unter den Arm geklemmt.
Szenen wie aus dem Wohnzimmer: man macht es sich schön; mal gemeinsam ein Lied zu singen, das kann sein, aber so etwas wie gesungene Lesungen: undenkbar. Vor allem aber möchte man plaudern. Vorgegebene Texte? Es soll doch ganz locker zugehen. Und danach wird abgeräumt, dann ist es zu Ende mit aller Feierlichkeit, dann bekommt das Praktische Vorrang.
Besonders wohnzimmerlich wird es bei besonderen Anlässen. Täuflinge jenseits der Windeln, Firmlinge oder dererlei werden vorgestellt: Sie stellen sich vor den Altar, der dabei nicht weiter beachtet wird, oder gar vor das Tabernakel, versus populum natürlich, während nun plötzlich der Priester dem Volk den Rücken zukehrt, nein, nicht versus Dominum gewendet, sondern nur versus aspirantes. Dann wird ein jeder vorgestellt, oder er stellt sich selber vor; und am Schluß mag noch kurz erzählt werden, mit welchen sozial- oder religionspädagogischen Spielereien der Firmkurs begonnen hat.
Nahe läge natürlich etwas anderes: die Firmlinge hätten vor den Priester zu treten, der hier einmal sinnvollerweise versus populum stünde. Aber so etwas gibt es eben nicht im Wohnzimmer.
Bei Feiern begrüßt der Priester gern besonders ausführlich die Gemeinde, um den Anlaß besonders zu würdigen; sind auch andere Priester dabei, so mag er das Wort noch einem der anderen zum Weiterbegrüßen übergeben. Kommt gar der Bischof (oder Weihbischof), so fängt es damit an, daß der Pfarrer den Bischof ganz herzlich und ausführlich begrüßt, so ganz locker; und natürlich antwortet der Bischof dann auf die Begrüßung, ganz herzlich und ausführlich. Gegen Ende der Messe die Vermeldungen — man erfährt, wie weitergefeiert wird; dann bedankt sich der Priester sehr ausführlich bei allen und jedem. Schließlich übergibt er das Wort jemand anderen für weitere Ansagen zum Ablauf oder dem einen oder anderen Honoratioren für ein Grußwort. Und keiner, der das Wort hat, läßt es so schnell wieder los5.
Das alles ist natürlich kein Gottesdienst; aber:
– Zu einem netten Miteinander gehören doch die Begrüßungen, und die vielen Ansagen sind doch eine praktische Notwendigkeit für den weiteren Verlauf der Feier. Und es soll doch ganz locker zugehen, es sollen sich doch alle wohlfühlen.
Das alles ist in der Tat gut und richtig, und zwar im heimischen Wohnzimmer; da kann man sich so ja durchaus wohlfühlen. Nur: wozu braucht es da einer Kirche?
Wenn man etwas wirklich Bedeutsames, wirklich Schönes erleben will, dann soll es eben nicht ganz locker sein. Schon in einem Konzert erwartet man, daß die Musiker, bei aller selbstverständlicher interpretatorischer Freiheit, sich sehr konsequent an die Partitur halten; und daß von ihnen jemand dazwischenredete, ist kaum denkbar. Die liturgische Feier aber ist weit mehr als ein Konzert: hier geht es um die Begegnung mit dem Herrn – da ist kein Raum für behäbige Geselligkeit, für alltägliche Gemütlichkeit. Und die Kirche ist mehr als ein Wohnzimmer oder ein Konzertsaal: sie ist das Haus des Herrn. Das Fascinosum der Begegnung mit ihm ist mehr als alle zwischenmenschliche Geselligkeit; deren Gemütlichkeit, deren Lockerheit in den Gottesdienst, in die Kirche hineinzulassen verdirbt das Erlebnis dieser Begegnung.
Und Seine Gegenwart bleibt auch nach dem Ende des Gottesdienstes bestehen; alles Praktische hat sich in den Hintergrund zurückzuziehen.

Das grundlegende Motto behäbiger Bürgerlichkeit

Noch einmal sei gesagt: ich schätze kultivierte Bürgerlichkeit. Doch es gibt eine behäbige wohlétablierte Bürgerlichkeit, die durch ihre banale Ansprüchlichkeit sehr wenig erfreulich ist (das Wort spießbürgerlich verwende ich nicht gern, weil mit ihm nur allzuoft eine Engstirnigkeit vorgeworfen wird, die der, der den Vorwurf macht, teilt, wenn auch in anderer Färbung). Ihr grundlegendes Motto lautet:
– Was sollen denn die Leute dazu sagen!
Für den eingefleischten Kleinbürger gibt dieses Motto das unverbrüchliche Lebensprinzip. Der Honoratior wird sich eine etwas differenziertere Haltung leisten. Sobald es sich jedoch nicht um «die Leute» handelt, sondern um seinesgleichen, tritt es wieder voll in Kraft. Wer modern denkt, wird dieses Motto enragiert ablehnen – und sich ebenso enragiert danach richten.
Modern zu sein ist nämlich die gängigste Art, nach diesem Motto zu leben – die Mode, der alle durch all ihre Wandlungen und Windungen folgen, ist das Paradefeld wohlétablierter Bürgerlichkeit.
Hier liegt der Schlüssel für das Verständnis all der Forderungen der kirchlichen Bourgeoisie, die von den Forderungen der Arrièregarde der Altachtundsechziger von der Insel Wisiki6 bis zu denen der Großhonoratioren vom Theologen-Memorandum und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken reichen: Frauen nicht zum Priesteramt, nicht einmal zum Diakonat zuzulassen, Priestern den Zölibat abzuverlangen, «wiederverheiratete» (also anderweitig neuverheiratete) Geschiedene von der Kommunion auszuschließen, mit protestantischen Mitchristen keine «Abendmahlsgemeinschaft» zu dulden – was sollen denn die Leute dazu sagen!

Die Quintessenz

Die verbürgerlichte Kirche, der verbürgerlichte Gottesdienst sind zu einem geschlossenen System geworden, aus dem viele Nutzen ziehen und das sich selbst bestätigt. Die Honoratioren können ihre eigene Wichtigkeit erfahren, der Zelebrant, oder wer immer Regie führt, konnte seine irgendwie originellen Ideen anbringen, und Eltern und Angehörige konnten die Kinder vorne auf der Bühne (wenn das auch in der Kirche anders genannt werden mag) bewundern. Und für den ganzen inneren Kreis der Gemeinde ist es doch ganz gemütlich.
Freilich gibt es auch jene, die weder Honoratioren sind noch Kinder sind oder Kinder haben noch richtig vereinsmeierisch in die Gemeinde einbezogen sind. Doch wer wollte da Spielverderber sein, wer wollte dem Einsatz, den Leistungen der Honoratioren die Anerkennung verweigern; wer wollte den Kindern ihre Freude mißgönnen, einmal wichtig zu erscheinen, und erst recht deren Eltern die ihre, das zu sehen? Wie dürfte jemand, der gar nicht richtig dazugehört, denen dreinreden, die im Leben dieser Gemeinde wohlétabliert und allgemein angesehen sind?
Allerdings wäre es auch unergiebig, wollte jemand ihnen dreinreden: das Meinungsbild in der Pfarrei, in der Kirche wird mittlerweile so dominiert von den Laien de luxe, den Funktionsträgern, sozusagen der Bourgeoisie der verbürgerlichten Kirche, daß der einfache Kirchgänger ohne eine ihn adelnde Funktion nicht mehr erwarten darf, daß seine Meinung wichtig genommen würde.
Doch welche Hoffnung könnte für die Kirche darin liegen, daß sie mit der kleinbürgerlichen Behaglichkeit des heimischen Wohnzimmers, des Vereinslokals oder des Wirtshauses/des Cafés um die Ecke zu konkurrieren wollte und mit der Wichtigkeitszuteilung an Honoratioren in Stadt- oder Bei- oder sonstigen Räten? Will sie im weltlichen Leben mit weltlichen Einrichtungen wetteifern, wird sie schwerlich viel gewinnen können. Als vitale Rolle bleibt für die verbürgerlichte Kirche höchstens die der Bühne für die Kinder. Doch die Kinder werden größer und drohen nach einer Zwischenphase in der Nische der Jugendgottesdienste schließlich der Kirche ganz zu entwachsen. Somit ist auch die Verkindergärtnerung der Kirche keine Lösung.
Ich jedenfalls hoffe auf eine ganz andere Kirche: auf eine Kirche, in der es nicht mehr darum geht, irgendwem eine bürgerliche Wichtigkeit zukommen zu lassen, die der bürgerlichen Gemütlichkeit des Gemeindelebens durchaus gerne die Gemeinderäume und natürlich die heimischen Wohnzimmer der Pfarrangehörigen läßt, die sich aber zuerst und vor allem mit ungeteilter Aufmerksamkeit ihrem Herrn zuwendet, sich von Ihm faszinieren läßt. Und dieses Fascinosum, darf ich hoffen, wäre auch für die Honoratioren, für die Kinder und ihre Eltern mehr als jene kleine Wichtigkeit, wäre auch für die Paohlbürger der Gemeinde, für die Senioren- und Frauenkreise mehr als jene kleine (an ihrem Ort durchaus legitime) Gemütlichkeit. Und durch solches gemeinsames Bemühen und gemeinsames Erleben entstünde echtere Gemeinschaft unter den Gläubigen als durch all jenes «Kommt doch mehr nach vorne!».
«Nolite conformari huic saeculo», schrieb Paulus (Rom. 12,2), «geht nicht konform mit dieser Welt!» In solcher Verbürgerlichung und dem Konformismus, der daraus entspringt, der sich verbreitet, sichtbar wird in Phänomenen vom Kirchenvolksbegehren bis zum Theologen-Memorandum, die nur aus behäbiger Bürgerlichkeit, sicher nicht geistlich begreifbar sind, in all dem kann nicht die Zukunft der Kirche zu finden sein.
Darum: zurück aus der Alltäglichkeit des Wohnzimmers, zurück in die Kirche!

1 Als markante Beispiele aus meiner engeren Heimat habe ich St. Marien in Hervest-Dorsten, St. Paul in Hervest und St. Lamberti in Gladbeck im Sinn.
2 W.H.W: Steifzüge durch EÜ und GL. E&E 14 (2009), S. 33-42.
3 taqqiph – übermächtig.
*)
4 Th.B.: Laetare Jerusalem (http://www.occidens.de/liturg2.htm#laetare).
5 Zum Großteil sind dies Auszüge aus den «Liturgica» (www.occidens.de/chronica/liturg.htm).
6 Formuliert nach Thomas Baumann: Moderne Irrtümer und ihre Herkunft. Augsburg 2011.

Orietur Occidens

*) Hier ist der Pfad verkürzt ausgedruckt; im Link ist der Fehler korrigiert.

E&E 13 S. 30-32  2008
Wilfried Hasselberg-Weyandt

Pfarrer und Pfarrei

Leicht bekommt man heutzutage den Eindruck, die Kirche bestünde aus «Ortsgemeinden», Pfarrgemeinden also, die dann zusammengefaßt werden zu Dekanaten, Diözesen und noch höheren Einheiten. Aber wenn man etwas zurückgeht in der Kirchengeschichte, ergibt sich ein deutlich anderes Bild.
Freilich entwickelte sich schon früh im Mittelalter der «Pfarrzwang». Aber schon der Ausdruck «Pfarrzwang» ist anachronistisch: im Mittelalter gab es lange Zeit noch viele verschiedene Kirchen in jeder auch nur mittelgroßen Stadt, wobei die Pfarrechte im modernen Sinn auf verschiedene Ebenen verteilt waren und auch doppelte Zuständigkeit möglich war1. Auch auf dem Lande gab oft doppelte Zugehörigkeit: zur Matrix ecclesia und zur nähergelegenen Kirche oder Kapelle. Bedingt war die Entwicklung des «Pfarrzwangs» schon durch die Bindung der Bevölkerung an den Ort, an die Scholle, die letztlich auf Diokletian zurückgeht, später durch die zunehmende Leibeigenschaft, keineswegs zunächst durch geistliche Gründe – geistliche Gründe dagegen veranlaßten dann die Kirche, den Menschen Zugang außer zum «eigenen» Priester, der nur zu oft vom weltlichen Kirchpatron ernannt war, auch zu den Priestern der Mendikantenorden zu öffnen.
Auch in der Ostkirche haben sich Pfarreien entwickelt. Aber es gibt keinen gemeinsamen Ausdruck für «Pfarrei», in den meisten östlichen Sprachen überhaupt kein Wort für «Pfarrer» – ihn nennt man meist einfach «Priester». Im Russischen heißt die Pfarrei «prichód» – das aber bedeutet nicht etwa Bezirk oder Gemeinde, sondern: Ankunft, Eintreffen.
Was aber war dann ein Pfarrer, was eine Pfarrei ursprünglich? Hierzu sei die Etymologie befragt.
Lateinisch heißt der Pfarrer «parochus», die Pfarrei «paroecia». Augenfällig ist – auch wenn es nie beachtet zu werden scheint –, daß diese beiden Begriffe außer der Vorsilbe nichts miteinander zu tun haben.
«Pároikoi» sind im alten Griechenland Einwohner ohne Bürgerrecht, im Neuen Testament dann Fremde; «paroikía» ist das Wohnen in der Fremde – Israëls etwa in Ägypten (Act. 13, 17).
Spätestens im IV. Jahrhundert erscheint dieser Begriff im kirchlichen Sprachgebrauch in neuer, allerdings noch unscharfer Bedeutung2: «paroikía» ist mal die Gemeinde der Bischofsstadt, mal die der ganzen Diözese, oft das ländliche Territorium, das zur Bischofsstadt gehört, mal auch ein Teil davon. Aus dieser letzten Verwendung des Begriffs konnte sich dann die Bedeutung «Pfarrei» entwickeln. Und schließlich kommt es dann im Lateinischen auch zu Verschreibungen: «parochia» statt «paroecia».
Die Grundbedeutung von «paroecia» ist jedenfalls nicht eine Gemeinde, in der man beheimatet wäre, sondern ein Aufenthaltsort in der Fremde.
Bald erscheint im Westen – und nur hier – der «parochus». «Párochos» ist jemand, der etwas liefert. Im römischen Reich wurde «parochus» der genannt, der an den Raststätten des Cursus publicus die Reisenden zu versorgen hatte – mit «Salz und Brennholz». «Gastwirt» findet man manchmal als freie Übersetzung.
So passen die Begriffe letztlich doch zusammen: die «paroecia», der Aufenthalt in der Fremde, und der «parochus», der die Reisenden versorgt.
Zwei weitere Begriffe passen dazu. Raststätten nannte man im römischen Reich (auch) «stationes». «Stationes» hießen dann die Stätten des päpstlichen und bischöflichen Gottesdienstes, der im Altertum und weitgehend auch noch im Mittelalter in im regelmäßigen Turnus wechselnden Kirchen stattfand; «publicæ stationes» wurden aber auch allgemein die Gottesdienststätten in der Stadt genannt3.
Die Herbergen des Cursus publicus (die gehobenen Gaststätten also) nannte man «mansiones»; und «mansionarii» waren die Hilfsgeistlichen der großen Kirchen – Dom- oder Stiftskapläne würde man sie heute nennen.
Die Etymologie bezeugt: nicht der Pfarrbezirk ist ursprünglich, nicht eine eingetragene Gemeinde, sondern der Pfarrer selbst, mit seinem Diakon natürlich und seinem Kantor, die in der Pfarrkirche für die bereit stehen, die in der «Fremde» leben (I. P. 1, 17; 2, 11), also für die, die zur Feier des jeweiligen Gottesdienstes oder zur Seelsorge eintreffen – sie sind der «Prichód». Das steht keineswegs dem entgegen, daß stets Menschen, die in dieselbe Pfarrkirche zu gehen gewohnt sind, diese finantiell und aktiv unterstützt haben, daß, wenn sie einander kennengelernt hatten, sie sich einander verbunden fühlten, sich gegebenenfalls zu gemeinsamem Handeln zusammengetan haben. Aber ihre Verbundenheit ist dadurch schon begründet, daß sie alle zur einen Kirche gehören, nicht erst durch eine Pfarrzugehörigkeit.

1 H.K. Schäfer (Frühmittelalterliche Pfarrkirchen und Pfarreinteilung in römisch-fränkischen und italienischen Bischofsstädten. Römische Quartalschrift 1905, 23-54) versuchte alte Pfarrechte nachzuweisen – ohne haltbares Ergebnis.
2 Karl Müller: Kleine Beiträge zur alten Kirchengeschichte/18. Parochie und Diözese im Abendland in spätrömischer und merowingischer Zeit. Zeitschr. f. d. neutest. Wiss. 32 Bd. 1933. 149-185.
3 nach Schäfer l.c.

Orietur Occidens

E&E 11 S. 17-19  2006
Wilfried Hasselberg-Weyandt

Botschaften moderner Liturgie

Es gibt Botschaften, die ein Mensch durch sein Reden und Verhalten den anderen übermittelt, ohne das zu beabsichtigen oder sich dessen auch nur bewußt zu sein. Diese Botschaften werden vom anderen verstanden, auch wenn er sie nicht in Worte zu fassen vermag. Oft gehen solche Botschaften in eine ganz andere Richtung, als ihr Urheber es beabsichtigt.
Moderne Liturgie ist oft sehr absichtsschwer; darum ist hier besonders viel Raum für das Auseinanderklaffen von Absicht und Botschaft.
Einige solcher Botschaften seien hier dargelegt.
«Die ganz einfachen Formen der Frühzeit» seien «mit einem Netz komplizierter Riten überzogen» worden, so meinen gewisse Theologen, welches man abstreifen könne, um zum «schlichten Vollzug der Abendmahlsfeier» zurückzukehren1.
Bei den Juden freilich war und ist eine gemeinschaftliche Mahlzeit etwas Sakrales, Formlosigkeit ist dabei keineswegs ein Ideal.
Daher vereinfacht man den Ablauf der Liturgie, gestaltet sie weniger hieratisch, alltäglicher, man macht mit den liturgischen Formeln etwas schneller, damit man dann etwas mehr die Gemeinde ansprechen kann.
Die Botschaft ist:
– Das alles ist nichts Besonderes, hat keine tiefere Bedeutung.
Auch werden die «Riten so umgeformt, daß sie den Verständnismöglichkeiten der Menschen von heute entsprechen», sie werden also vereinfacht, «Lehrhaftigkeit» wird aus ihnen herausgearbeitet2, sie werden während der Feier erklärt, gedeutet.
Die Botschaft ist:
– Laien sind dumm.
Der Priester ist es, der die Riten erklärt; er begrüßt die Gemeinde, führt Regie, damit die Leute wissen, wie diesmal die Liturgie vonstatten gehen soll.
Die Botschaft ist:
– Auf mich (den Priester) kommt es an, an mir hängt alles.
Zwanglosigkeit, Spontaneïtät werden geschätzt in unserer Zeit. Darum ist mancher Priester lieber locker, nicht so förmlich, wenn er die Liturgie leitet. Allerdings: richtig zwanglos, spontan sein kann nur er, der Priester, nicht etwa der Ministrant oder gar irgendwer aus dem Volk.
Die Botschaft ist:
– Ich (der Priester) bin hier der Chef.
Participatio actuosa der Laien an der Liturgie ist ein Ziel, das seit über einem halben Jahrhundert angestrebt wurde. Andererseits wurde sie durch die Vereinfachung der Liturgie zügig abgebaut. Zum «Et incarnatus est» des Credo, zum Kommunionempfang, zum Segen, zu den Gebeten des Karsamstags, manchmal gar zu denen des Karfreitags knien die Laien nicht mehr, zur Passion müssen sie sitzen bleiben3.
Zum Ausgleich setzt man auf Laienbeteiligung: Laien als Kommunionhelfer, als Lektoren4, als Pfarrgemeinderat, welcher als Mitinhaber der Kirche erwähnt werden kann – im Unterschied zu den «Kirchenbesuchern»: «Auch im Namen unseres Pfarrgemeinderates begrüße ich Sie zu diesem Gottesdienst».
Das sind natürlich nicht alle Laien, sondern die dazu auserwählten.
Die Botschaft ist:
– Es gibt Laien erster Klasse und die anderen Laien – ihr im Kirchenschiff seid die laïkale Unterklasse.
Der Stolz vieler Pfarreien ist, daß die Kinder in den Gottesdienst einbezogen werden. Es leuchtet ein, daß die Kinder für die Kirche gewonnen werden müssen. Daher gibt es kindergerechte Gottesdienste bis hin zu Karnevalsmessen, in denen Kinder Kostüme tragen5. Und auch die Eltern sind dann zufrieden, kommen mit in den Gottesdienst.
Die Botschaft ist:
– Kirche ist für Kinder da, dient der Kindererziehung.
Die Erwachsenen werden dadurch angesprochen, daß sie ihre Kinder gut unterhalten sehen, nicht durch das Wesentliche des Gottesdienstes. Und die Kinder selbst – wenn sie Jugendliche geworden sind, wollen sie mit solchen Kindereien meist nichts mehr zu tun haben.

1 Zitate nach Theodor Klauser: Kleine Abendländische Liturgiegeschichte. Bonn 1965.
2 Zitate nach Martin Klöckener: Die Situation in unseren Gemeinden und Liturgie (mündlicher Vortrag). Maria Laach 2005.
3 Weiteres dazu in W.H.W: Die Rolle des Priesters im Zeugnis der Liturgie. E&E 1 (96).
4 Regieansagen allerdings bleiben in aller Regel dem Priester vorbehalten.
5  Bei solch einer Messe mit buntgeschminkten und kostümierten Kindern im Chorraum hörte ich ein anderes Kind hinten, in meiner Nähe, klagen: «Es ist so langweilig!»

Orietur Occidens