Abtreibung

Abtreibung ist dem üblichen Sprachgebrauch nach die Tötung eines ungeborenen Kindes.
In der Antike wurde sie weitestgehend selbstverständlich rechtlich geduldet, allerdings nicht etwa, weil das ungeborene Kind als solches minderen Rechts gewesen wäre, sondern weil der antike Staat nicht in die Familie einzugreifen pflegte: laut Aristoteles (Nikomachische Ethik, V. Buch / I, III, 4, 3, a n. Lasson) wird das unmündige Kind als Teil des Hausherrn angesehen, dem dieser deshalb kein Unrecht zufügen könne; und der römische Pater familias hatte volle Gewalt über die ganze Familie. Vor allem unter christlichem Einfluß wurde in der Folge diese Gewalt eingeschränkt, der Staat begann, die Rechte der Angehörigen auch gegenüber dem Hausherrn zu schützen; und der moderne Staat ist diesen Weg noch weitergegangen; so konnte es etwa zur Schulpflicht kommen und schließlich zum bundesrepublikanischen Verbot, seine Kinder zu schlagen.
Doch fand die Abtreibung ebenso wie die Kindesaussetzung in der Antike durchaus keinen Beifall – der Eid des Hippokrates («oudè gynaikì pessòn phthórion dóso») verbietet sie den Ärzten –; vom Christentum aber wurde die direkte, die absichtsvolle Abtreibung stets scharf verurteilt.
Die heutige Gesetzeslage aber ist viel absurder:
Wenn ein behindertes Kind im sechsten oder siebten Monat geboren wird und die Mutter oder jemand anderes in ihrem Auftrag es dann tötet, so ist das juristisch Totschlag. Wenn aber eine behindertes Kind, und sei es nur durch Trisomie 21 behindert, im achten oder neunten Monat im Mutterleib durch eine Kaliumchlorid-Injektion ins Herz getötet wird, so ist das kein Straftatbestand.
Aber zu einem genaueren Einschätzung bedarf es zunächst einer philosophischen Erörterung:

Das Menschsein des ungeborenen Kindes

Das Menschsein hat begonnen, wenn das Wesen des Menschen gegeben ist, wenn die Materie des Leibes da ist und das Lebensprinzip, die Seele also im philosophischen Sinn des Wortes, daran wirksam ist, sichtbar dann, wenn eine biologische Entwicklung einsetzt. Dies beides gilt von der Befruchtung, biologisch ausgedrückt von der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an.
Zwar gab es bis ins Mittelalter noch die Meinung, der Embryo sei nicht von Anfang an beseelt, also nicht von Anfang an wirklicher Mensch; er sei erst am 40. Tag (Junge) oder am 90. (Mädchen nach Aristoteles) oder 80. Tag (Mädchen nach einer frühmittelalterlichen Auffassung) beseelt worden. Geht man vom philosophischen Begriff der Seele aus, so ist aber offenkundig, das mit der Beseelung des Embryos am 40., 80. oder 90. Tag sinnvollerweise nicht die Beseelung überhaupt gemeint sein kann, sondern nur die mit der menschlichen Seele; denn eine biologische Entwicklung gibt es schon von Anfang an, zumindest eine anima vegetativa ist demnach schon da (man wolle denn einem naïven reduktionistischem Materialismus folgen). Es geht bei jener Annahme also um eine Sukzessivbeseelung: zuerst eine anima vegetativa, dann eine animalische anima sensitiva, dann erst die menschliche anima intellectiva.
An einer Stelle scheint Thomas von Aquin das vorauszusetzen: «sicut in generatione hominis prius est vivum, deinde animal, ultimo autem homo» (S. Th. II IIae, q. 64, a. 1 sub Respondeo). Doch derselbe Thomas widerspricht entschieden der Möglichkeit mehrerer Seelen im einen Menschen: «Sed si ponamus animam corpori uniri sicut formam, omnino impossibile videtur, plures animas per essentiam differentes in uno corpore esse» (S. Th. I, q. 76, a.3 sub Respondeo). «Unius rei est unum esse substantiale: sed forma substantialis dat esse substantiale; ergo unius rei est una tantum forma substantialis: anima autem est forma substantialis hominis; ergo impossibile est, quod in homine sit aliqua alia forma substantialis, quam anima intellectiva» (S. Th. I, q. 76, a.4 sub Sed contra).
Wäre zuvor schon eine anima sensitiva vorhanden, so wäre das, wie schon das Wort es sagt, eine empfindende Seele. Doch auch die anima intellectiva ist ihrem Wesen nach eine empfindende Seele. Der Annahme einer Sukzessivbeseelung zufolge müßte also entweder die eine empfindende Seele vernichtet werden, um der anderen Platz zu machen, oder es müßten zwei eine empfindende Seelen im Menschen nebeneinander existieren: beides erscheint abwegig.
Als Denkmöglichkeit für eine Sukzessivbeseelung bliebe also nur, daß zur amina vegetativa dann eine anima intellectiva hinzutrete. Aber solch eine Thomas widerstreitende Annahme wäre unbegründet: es gibt keinen Neubeginn oder Bruch in der Entwicklung des Embryos, der daran denken ließe (geschweige denn erst am 40., 80. oder 90. Tag). Aufgrund solch einer unbegründeten Annahme dem Embryo in seinen ersten Wochen das Menschsein abzusprechen, wäre nicht zu rechtfertigen. Als es in der Frühzeit der Kirche noch die Meinung gab, der Embryo sei nicht von Anfang an beseelt, hat dies die Kirche wohl zu einer Abstufung der Verurteilung geführt, nie aber zu einer Duldung früher Abtreibung.
Eine materialistische Version der Idee der Sukzessivbeseelung gibt es in der „Biogenetische Grundregel“, die von Ernst Haeckel 1866 propagiert wurde: «Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese» – das heißt, die Entwicklung des einzelnen Lebewesens (Ontogenese) wiederhole dessen Stammesentwicklung in der Evolution (Phylogenese).
Dieses Entwickelungsgesetz gilt in der heutigen Wissenschaft als widerlegt.

Wesen und Aktualisierung des Menschseins

Es gibt moderne Vorschläge, wie der Beginn des wirklichen Menschseins, wenn man ihn von der Befruchtung unterschieden annehmen will, anzusetzen wäre. Einer ist: der Beginn der Empfindungsfähigkeit des Embryos. Das paßt wohl zur anima sensitiva, aber es umfaßt einen doppelten Denkfehler. Der erste: seine begonnene Empfindungsfähigkeit nimmt zwar der Embryo selber wahr, aber er kann sie nicht mitteilen; von außen ist sie nicht zu erkennen. Daß es Äußerungen dieser Empfindungsfähigkeit geben wird, hilft nicht weiter: die Fähigkeit selbst wird vorhanden sein, bevor sie sich nach außen äußert. Grundsätzlich unterliegen alle wissenschaftlichen Beobachtungen des kleinen und erst recht des ungeborenen Kindes einer einfachen Regel, die nicht zu umgehen ist: wissenschaftliches Ergebnis können erst gesicherte Beobachtungen sein, und je früher und darum auch je geringer die Phänomene sind, desto schlechter sind sie zu beobachten; das frühe Kind wird daher notwendigerweise systematisch unterschätzt (noch in den siebziger Jahren herrschte die Meinung, selbst Säuglinge könnten in den ersten Wochen noch keine Schmerzen empfinden – begründet mit jenem Argument, dem unausgereiften Nervensystem, mit dem heute die Schhmerzempfindung der Embryonen, gänzlich oder in den ersten Schwangerschaftsmonaten, bestritten werden).
Ein anderer Vorschlag ist für die Beobachtung leichter anwendbar: das Einsetzen der Hirnströme – analog der Definition des Hirntodes. Aber auch das ist irreführend: von Nahtoderfahrungen ist bekannt, daß, auch wenn alle Gehirnaktivität und alle Gehirnfunktionen ausgefallen sind, es noch Bewußtseinserfahrungen und sogar Wahrnehmungen gibt (P. van Lommel: Endloses Bewusstsein. Düsseldorf 2009, S. 22). So können solche auch beim ungeborenen Kind durchaus schon vor meßbaren Gehirnströmen da sein.
Das ist für die aktuelle Abtreibungsfrage wenig bedeutsam: Hirnströme und willkürliche Bewegungen werden schon seit der 6. Woche beobachtet – die meisten Abtreibungen werden viel später vorgenommen.
Der zweite Denkfehler: Mensch ist man durch das menschliche Wesen, in dem die Fähigkeiten des Menschen potentiell vorhanden sind, auch wenn sie zur Zeit noch nicht aktualisiert werden können. Wer es anders sehen wollte, spräche damit auch einem Menschen im Koma das Menschsein ab; folgerichtig dürfte man einen Menschen, der tief bewußtlos ins Krankenhaus eingeliefert wird (oder auch ins künstliche Koma versetzt wird), zur Organentnahme für Transplantationen nutzen.
Noch deutlicher ist es bei anderen Vorschlägen, den Beginn des Menschseins anzusetzen: bei der Nidation, beim Beginn der Überlebensfähigkeit außerhalb der Gebärmutter, schließlich bei der Geburt des Kindes – all dies hat nichts mit dem Wesen des Menschen zu tun.

Die Zubilligung von Unzumutbarkeit

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1993 (88, 203) erkennt das Menschenrecht des ungeborenen Kindes an. Doch billigt es der abtreibungswilligen Frau für gewisse Fälle Unzumutbarkeit zu, das Kind auszutragen, erlaubt in diesen Fällen die Abtreibung. Derartige Regeln aber, die es in gewissen Fällen erlaubten, einen geborenen Menschenzu töten, kennt das Recht nicht in vergleichbarer Form.
In den siebziger oder achtziger Jahren ging ein Fall durch die Presse: ein türkischer Ehemann war wegen exzessiver Gewalt gegenüber seiner Familie zu einer nicht allzu langen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Es wurde darauf hingewiesen, daß diese Gewalttätigkeit keineswegs zur türkischen Kultur gehörte, sondern vielmehr der Wegfall der kulturellen Normen im Ausland ihr erst Raum verschaffte. Sicherheitsverwahrung war nicht angeordnet worden; als er aus der Haft entlassen wurde, sah sich seine Familie seiner Gewalttätigkeit hilflos ausgesetzt. So entschied sie sich, ihm durch die Hand des Schwiegersohns das Leben zu nehmen. Diese Tat konnte nicht als Notwehr oder Nothilfe gewertet werden, da keine unmittelbare Gefährdung im Augenblick der Tat gegeben war. Davon, dem Schwiegersohn übergesetzlichen Notstand zuzubilligen, sah das Gericht ab; er wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.
Wie man auch immer solch eine Verzweiflungstat, die doch ein Totschlag ist, moralisch werten mag: die Schwelle der Unzumutbarkeit ist einem ungeborenen Kind gegenüber jedenfalls niedriger angesetzt.
«Mein Bauch gehört mir» war eine Parole der Bewegung zur Freigabe der Abtreibung. Wenn es um unterlassene Hilfeleistung geht, auch wenn sie mit realer oder befürchteter eigener körperlicher Gefährdung verbunden ist, kennt das Recht keinen entsprechenden Schutz der eigenen körperlichen Sphäre: die Sorge manches Autofahrers ist bekannt, er könne des Nachts auf einsamer Straße einem gestellten Unfall begegnen, zur Hilfeleistung für das scheinbare Opfer anzuhalten und auszusteigen verpflichtet sein und dabei überfallen werden – solche Fälle sind selten und für den Kundigen durchschaubar, doch gegeben hat es sie.
Wiederum: wie man auch immer solche Pflicht zur Hilfeleistung moralisch werten mag: die Schwelle der Unzumutbarkeit ist einem ungeborenen Kind gegenüber jedenfalls niedriger angesetzt.

Die Sicht des Embryos als Menschen minderen Wertes

Bemerkenswert ist auch, daß das Bundesverfassungsgericht nicht nur in gewissen Fällen die Abtreibung straffrei zuläßt, sondern auch, daß es in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft letztlich dafür keine echten Beschränkungen vorgibt, daß der Staat gegebenenfalls sogar die Kosten der Abtreibung übernehmen soll, daß nicht einmal jenes Maß an Humanität gefordert wird, das einem Tier bei der Schlachtung zugebiligt wird: eine Betäubung – dabei sind die viele Abtreibungsmethoden qualvoll: mit Saugrohr oder Curette wird das Kind zerfetzt, durch die Abtreibungspille „Mifegyne“ verhungert es; und auch die Suche nach dem Herzen mit einer Kaliumchlorid-Spritze erscheint wenig human.
Hier scheint eine Sicht durchzuscheinen, wenn nicht dem Wortlaut des Urteils und wohl auch nicht ganz seiner Intention, so doch aber seiner Rezeption nach, die dem Embryo zwar nicht das Menschsein abspricht, wohl aber den vollen Wert und das volle Recht eines Menschen.
Menschen unterschiedlichen Wertes – das ließe sich in solche Worte fassen:
Wesen einer unteren Ordnung, um so viel tiefer stehend, daß sie keine Rechte hätten, die der ... Mensch zu respektieren hätte.
Das aber sind Worte, die der US-amerikanische Oberste Gerichtshof gebrauchte, als er 1857 die Klage Dred Scotts abwies, der als schwarzer Sklave aus den Südstaaten nach Minnesota geflohen war, ihn für frei zu erklären:
«Beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations, and so far inferior that they had no rights which the white man was bound to respect – Wesen einer unteren Ordnung, ganz und gar nicht geeignet, sich der weißen Rasse, ob gesellschaftlich oder politisch, zuzugesellen, und um so viel tiefer stehend, daß sie keine Rechte hätten, die der weiße Mensch zu respektieren hätte.»
Im XVIII. und XIX. Jahrhundert ging es in gleicher Weise darum, die Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit von Menschen aller Rassen gegen Meinungsführer und Rechtsprechung zu verteidigen, wie im XX. und XXI. Jahrhundert darum, gegen sie die Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit geborener und ungeborener zu verteidigen.
In beiden Fällen war und ist es besonders die Kirche, die für die Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit aller Menschen eingetreten ist und eintritt.

Abtreibung und Eugenik

1920 war von Karl Binding und Alfred Hoche im gleichnamigen Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ gefordert worden, ein Anliegen, daß Teile des Freidenkerdmilieus mit der NS-Ideologie teilten.
Vor mir liegt Werbung von „Ernst Oldenburg, Verlag / Leipzig“, die neben „Pazifistische Bücher“, „Freidenkerische Neuerscheinungen“ und „Wichtige Aufklärungswerke“ auch Toni Rothmunds „Heilige Grausamkeit“ (1924) stellt («Von der Vernichtung unwerten Lebens handelt dieser Roman, der sich auf die Anschauungen des Freiburger Univ.-Prof. Hocho (sic!), sowie auf die Gedankenwelt des berühmten Leipziger Strafrechtslehrers Prof. Binding stellt.»).
Diese Vorstellung von „lebensunwertem Leben“ konnte sich mit der Gedankenwelt der Eugenik, die sich seit dem letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts verbreitet hatte, verbinden zur Forderung von Abtreibung aus eugenischen Gründen.
In der NS-Zeit nahm das offizielle Form an: gegenüber dem „Reichsärzteführer“ Gerhard Wagner erklärte Hitler «wörtlich», wie jener dann am 13. 9. 1934 dem Reichsministerium des Inneren mitteilte, «er wäre der oberste Gerichtsherr und würde dafür sorgen, daß kein Arzt bestraft würde, der die Schwangerschaft aus eugenischen Gründen unterbricht», was Hitler dann am 11. 10. bestätigte (Bundesarchiv: R 43 II/720; hier nach Martin Broszat: Der Staat Hitlers. München 1969, 1983, S. 357, Anm.). Im „Gesetz betr. die Unterbrechung von Schwangerschaften aus Gründen der Erbkrankheit“ vom 26. 6. 1935 (RGB. I, S. 773; hier nach M. Broszat l.c., S. 356) erhielt das Gesetzeskraft.
Diese eugenische Denkweise und dieses Gesetz (bei dem es nicht um den Willen der Mutter ging) sind mit dem Ende des NS-Regimes nicht mehr in Kraft. Aber von der Vorstellung, das Leben behinderter Menschen sei weniger wert, ist etwas geblieben:
Vorgeblich aus medizinischer Indikation kann eine Abtreibung bis zum Ende der Schwangerschaft vorgenommen werden, wenn das Kind behindert ist, und sei es nur durch Trisomie 21, einer Chromosomenstörung, die zu einer geistigen Behinderung führt, die im Einzelfall nicht einmal einem Universitätsabschluß entgegensteht.

Die Motive der Abtreibungspropaganda

Feministische und politisch korrekte Motive werden genannt; und sicher gibt es die, doch kann das nicht alles sein.
Freilich mutet es befremdlich an, daß es feministisch begründet sein soll, wenn oft männliche Ärzte Geld damit verdienen – und nicht wenig Geld –, daß sie oft weiblichen Kindern das Leben nehmen, wenn junge schwangere Frauen – alltägliche Erfahrung von Therapeuten – vom Vater ihres Kindes unter Druck gesetzt werden, abzutreiben, bis sie nachgeben und es wirklich tun oder aber die gesetzliche Frist überschritten ist und sie dann von ihm verlassen werden.
• Motive zur Abtreibung •
Doch das erklärt nicht, daß behinderte Kinder über die sonstigen Fristen hinaus bis zur Geburt abgetrieben werden dürfen, ohne daß politisch korrekter Einspruch zugunsten der Behinderten erhoben würde. Das erklärt noch weniger (und auch die Minderbewertung des Lebens behinderter Menschen kann folgendes nicht ganz erklären), daß ein Arzt, der bei einer schwangeren Frau die fatale Diagnose Röteln nicht ausspricht, dafür, daß er so das Leben des Kindes gerettet hat, immensen Schadensersatz zu leisten hat – den gesamten Unterhalt für das Kind einschließlich des behinderungsbedingten Mehraufwandes. Der gleichen Logik zufolge wäre ein Arzt oder Ersthelfer, der einen ertrinkenden oder nach einem Unfall schwer verletzten Menschen vor dem Tode rettet, wenn dieser bereits irreversibel geschädigt und somit schwerbehindert ist, zu verurteilen, für ihn Schadensersatz für den gesamten künftigen Lebensunterhalt einschließlich des behinderungsbedingten Mehraufwandes zu leisten.
Das erklärt ebensowenig, daß durch ähnliche Urteile Ärzte sich gezwungen sehen, schwangeren Frauen, die älter als 35 Jahre sind, zur Fruchtwasseruntersuchung raten, einer Untersuchung, die keinerlei Nutzen bringt, für das Kind sogar gefährlich ist. Ziel dieser Diagnostik kann es nur sein, bei positivem Befund, um Gefahr für die seelische Gesundheit der Mutter abzuwenden, eine Abtreibung vorzunehmen. Ärzte werden also rechtlich genötigt, Schritte zu unternehmen, die dazu dienen, jene Gefahr für die seelische Gesundheit herbeizuführen, die es dann unzumutbar macht, das von Menschenrecht und Grundgesetz gewährleistete Lebensrecht des ungeborenen Kindes zu wahren.
Hier sind weniger feministische oder politisch korrekte Interessen zu erkennen als vielmehr solche der Abtreibungskliniken und der Gesundheitsindustrie.

Verbot der Abtreibung und Gefährdung der Mutter

Einzelne Fälle aus Ländern, die die Abtreibung strikt verbieten, haben Aufmerksamkeit auf sich gezogen: das Verbot gefährdete das Leben der Mutter. Doch ein Gesetz ist nicht schlecht, weil es schlecht angewendet werden kann – das kann jedes Gesetz. Die Kirche verbietet nur direkte, das heißt intendierte Abtreibung (Paulus PP. VI.: Humanae vitae: 14. ... iterum debemus edicere, omnino respuendam esse ... praesertim abortum directum, quamvis curationis causa factum). Eine Operation, die für die Gesundheit der Mutter notwendig ist und als nicht intendierte Folge den Tod des ungeborenen Kindes mit sich bringt, ist bei entsprechender Güterabwägung erlaubt. Allerdings: eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz des Kindes ist niemals zu rechtfertigen.

Die Weltanschauung hinter der Befürwortung der Abtreibung

Die Beseelung des Menschen – Seele hier als philosophischer, nicht speziell als theologischer Begriff – ist am Anfang der Schwangerschaft anzusetzen, nicht an deren Ende: daran ist nicht gut zu zweifeln. Dem ungeborenen Kind abgesprochen werden kann das Menschsein also nur auf der Grundlage einer apsychistischen, materialistischen Weltanschauung, die das Leben auf chemisch-physikalische Vorgänge reduzieren, die bewußte Seele als Epiphänomen eines Materiekonglomerats sehen will. Das aber heißt, daß sie gar kein wirkliches Menschsein, also auch kein Menschenrecht, keine Menschenwürde erkennen kann. Moral ist in solcher Weltanschauung nur die Maxime eines utilitaristischen Waffenstillstandes im Krieg aller gegen alle (im Geiste Thomas Hobbes’). Wer nicht an diesem Krieg teilnehmen, nicht homo homini lupus sein kann – wie es eben ungeborene Kinder nicht können –, braucht von solcher Moral nicht berücksichtigt zu werden.
W.H.W.
• Ich habe den Rabbi gefragt •
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• Was Kindern verwehrt bleibt, wird wenigstens Kälbern zugestanden •
• Von Abtreibung und Sklaverei •
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Motive zur Abtreibung

3½ Jahre Erfahrung in der Beratung ergaben:
♦ bei 80% macht der Vater Druck, nach dem Motto «Entweder das Kind geht oder ich»;
♦ bei weiteren 10% das gleiche Muster, nur der Druck kommt vom Umfeld;
♦ die restlichen 10% teilen sich in 8% «Ich würde es ja gerne, wenn nicht alles so schwierig wäre» und 2% «Ich will so oder so auf keinen Fall ein Kind jetzt.»
S.D.

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